Arroganz in der Physiotherapie? Zwischen Wissen und Gewissheit
Die Geschichte des Wissens beginnt in der europäischen Philosophie nicht mit der Feststellung von Gewissheiten, sondern mit ihrer Erschütterung. Ein Paradebeispiel dafür ist Platons Darstellung des Sokrates. In der Apologie – der literarischen Gestaltung seiner Verteidigungsrede – tritt Sokrates nicht als Lehrer fertiger Wahrheiten auf. Vielmehr irritiert er die Athener, indem er ihre Überzeugungen in Frage stellt. Er macht sichtbar, wie oft Menschen bloße Meinung, Ansehen und Gewissheit mit tatsächlichem Wissen verwechseln [1]. Seine besondere Stellung gewinnt Sokrates nicht durch einen Wissensvorsprung. Er nimmt lediglich die Grenzen seines eigenen Wissens ernster als jene, die ihre Ansichten vorschnell für Erkenntnis halten.
Was in der Apologie zunächst als Haltung philosophischer Nüchternheit erscheint, wird im Theaitetos zum Gegenstand systematischer Untersuchung [2]. In diesem Dialog geht es nicht mehr nur darum, falsche Sicherheiten aufzudecken. Platon stellt hier ausdrücklich die Frage, was Wissen überhaupt ist und wodurch es sich von Wahrnehmung, Meinung oder bloßer Überzeugung unterscheidet. Die Frage nach Wissen beginnt damit nicht bei gesicherten Antworten, sondern bei der Einsicht, dass Gewissheit allein noch kein hinreichendes Zeichen von Erkenntnis ist.
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