Zum Inhalt springen

Geschlechtervergleich bei Verletzungen: Warum Athlete-Exposures in die Irre führen können

Amin Fhile
Wissenschaftliche Referenz: Danielsen, A. C., Gompers, A., Bekker, S., & Richardson, S. S. (2025). Limitations of athlete-exposures as a construct for comparisons of injury rates by gender/sex. British Journal of Sports Medicine, 59(3), 174–180. https://doi.org/10.1136/bjsports-2023-107657

Kreuzbandverletzungen gehören zu den schwerwiegendsten orthopädischen Verletzungen im Sport, insbesondere bei jungen Athlet*innen. In zahlreichen Studien wird berichtet, dass weibliche Sportlerinnen ein zwei- bis zehnfach höheres Risiko für vordere Kreuzbandrupturen (ACL-Verletzungen) aufweisen als männliche Athleten. Diese Zahlen finden sich nicht nur in sportmedizinischer Fachliteratur, sondern werden auch im öffentlichen Diskurs häufig wiederholt, oft ohne kritische Reflexion der zugrunde liegenden Berechnungsmethoden [1].

In den letzten Jahren hat die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Frauensport deutlich zugenommen. Während Frauen in früheren Jahrzehnten in der Sportmedizin unterrepräsentiert waren, wächst heute das Forschungsinteresse spürbar. Dies betrifft sowohl Studien zur Leistungsphysiologie als auch zur Verletzungsprävention im weiblichen Spitzensport [2]. Besonders auffällig ist dabei, dass Frauen zunehmend als „verletzungsanfälliger“ dargestellt werden, nicht nur bei ACL-Verletzungen, sondern auch im Bereich der Muskelverletzungen, Überlastungssyndrome und Gehirnerschütterungen [3].

Ein zentrales Instrument zur Quantifizierung von Verletzungsrisiken ist die sogenannte Athlete-Exposure (AE). Dabei wird jede individuelle Teilnahme der Athlet*innen an einer Trainingseinheit oder einem Wettkampf als eine Expositionseinheit gezählt. Verletzungsraten werden anschließend häufig als Zahl der Verletzungen pro 1000 AE angegeben. Die Methode erscheint auf den ersten Blick einfach und vergleichbar, sie ignoriert jedoch qualitative Unterschiede, wie etwa Dauer, Intensität oder Kontext der Belastung. Kritiker*innen bemängeln daher, dass AE-basierte Berechnungen wichtige strukturelle Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Athletinnen verschleiern und damit potenziell verzerrte Ergebnisse produzieren [4].

Genau dieser Problematik widmet sich die Studie von Danielsen et al. (2025). Die Forschenden legen in ihrer Arbeit dar, dass AE-basierte Vergleiche in vielen Fällen Verzerrungen zugunsten männlicher Athleten erzeugen und damit die Verletzungsrisiken von Frauen überbewerten. Die Forschenden argumentieren, dass diese Praxis nicht nur wissenschaftlich unpräzise, sondern auch sozial problematisch ist, denn sie verfestigt einseitige Narrative über „verletzungsanfällige Frauenkörper“.

Jetzt Mitglied der DK Academy werden und diesen Artikel weiterlesen

Bereits Mitglied? Jetzt einloggen