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Warum Training wirkt – und Kraft nur ein Teil der Geschichte ist

Lea Schwalbach
Wissenschaftliche Referenz: J. Powell, L. Wood, A. G. Cashin, und J. S. Lewis, „It is not all about strength: rethinking mechanistic assumptions in exercise-based rehabilitation for musculoskeletal pain relief“, Br. J. Sports Med., S. bjsports-2025-110372, Dez. 2025, doi: 10.1136/bjsports-2025-110372 [1].

Chronische muskuloskelettale Beschwerden werden im klinischen Alltag häufig über ein einfaches Belastungs-Belastbarkeits-Modell erklärt: Schmerz entsteht, wenn die aktuelle Belastung die individuelle Belastbarkeit übersteigt; Therapie bedeutet folglich, die „Wippe“ wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Auf der einen Seite steht die Last (Alltag, Arbeit, Sport), auf der anderen die Kapazität des Gewebes – oft operationalisiert als Kraft, Stabilität oder muskuläre Kontrolle. Die naheliegende Konsequenz: Krafttraining. Mehr Kapazität soll mehr Toleranz ermöglichen, weniger Schmerz, mehr Funktion.

Dieses biomechanische Narrativ ist intuitiv, anschlussfähig und leitlinienkonform. Für viele Diagnosen – etwa Arthrose oder Tendinopathien – wird Bewegung, insbesondere dosiertes Krafttraining, konsistent empfohlen. Auch bei chronischem Rückenschmerz gelten aktive Maßnahmen als zentrale Säule der Behandlung. Patient:innen wissen das häufig: Sie „müssen stärker werden“, „mehr für den Rücken tun“, „Belastung aufbauen“. Gleichzeitig besteht nicht selten die Sorge, dass genau diese Belastungssteigerung Beschwerden verschlimmern könnte. Zwischen rationaler Einsicht („Bewegung ist wichtig“) und erlebter Bedrohung („Mehr Belastung schadet vielleicht“) entsteht ein Spannungsfeld, das Adhärenz und Therapieerfolg maßgeblich beeinflusst.
Doch was genau macht Training wirksam? Ist es wirklich die reine Kraftsteigerung – oder verbirgt sich dahinter mehr? Klinische Beobachtungen und erste Studien deuten darauf hin, dass verschiedene Trainingsformen vergleichbare Effekte auf Schmerz und Funktion erzielen, selbst wenn sie unterschiedliche biomechanische Zielgrößen haben. Sogar Interventionen wie manuelle Therapie, Pilates und Co. können spürbare Verbesserungen erzielen, oft ohne dass messbare Kraftzuwächse die Wirkung erklären. Dies deutet darauf hin, dass weitere Mechanismen am Werk sein müssen.

Die klassische „Wippe“ aus Belastung und Belastbarkeit bleibt ein nützliches Modell, doch was genau auf beiden Seiten der Waage liegt, ist unklar. Psychologische Variablen, Erwartungen, frühere Erfahrungen, therapeutische Beziehung oder situative Kontexte könnten ebenso entscheidend sein wie die körperliche Belastbarkeit. Dieser Gedanke öffnet die Tür für eine neue Perspektive: Training ist vielleicht nicht nur ein Werkzeug zur Kraftsteigerung, sondern ein Vehikel, um Vertrauen, Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Bewegungsfreiheit zu fördern – und damit Schmerz und Funktion zu verändern.
Wie wirkt Training wirklich? Und welche Mechanismen können wir in der Praxis nutzen, um Patient:innen gezielter zu unterstützen, ohne uns auf ein einzelnes, vermeintlich mechanisches Erklärungsmuster zu verlassen?

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