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„Zu alt für schwere Gewichte“ – Ein Jahr schweres Training, vier Jahre mehr Kraft

Dominik Neuberth
Wissenschaftliche Referenz: Bloch-Ibenfeldt M. et al. “Heavy resistance training at retirement age induces 4-year lasting beneficial effects in muscle strength: a long-term follow-up of an RCT.” BMJ Open Sport & Exercise Medicine 10(2): e001899 [1].

Frau Schneider, 66 Jahre alt, hat gerade den Schritt in den Ruhestand gemacht – ein Lebensabschnitt, der mit neu gewonnener Freiheit, aber auch mit körperlichen Veränderungen einhergeht. Sie genießt die zusätzliche Zeit für ihre Enkelkinder, für Spaziergänge im Park und gelegentliche Radtouren. Doch seit einiger Zeit bemerkt sie, dass einfache Alltagsbewegungen anstrengender geworden sind: Treppensteigen erfordert Pausen, und aus einem niedrigen Sessel aufzustehen, fällt zunehmend schwer. Bei einer hausärztlichen Vorsorgeuntersuchung bestätigt sich ihr Eindruck: Sowohl die Griffkraft als auch die Beinkraft sind reduziert – frühe Anzeichen einer beginnenden Sarkopenie, also des altersbedingten Verlusts von Muskelmasse und -funktion.
Verunsichert fragt Frau Schneider ihre Physiotherapeutin: „Reicht es, wenn ich weiterhin meine Gymnastikübungen mit dem Theraband mache? Oder sollte ich, trotz meines Alters, mehr machen?“ Diese Frage berührt ein zentrales Thema moderner Prävention und Rehabilitation: Welche Trainingsintensität ist für ältere Menschen optimal, um Muskelkraft und Selbstständigkeit langfristig zu sichern? Viele Fachleute und auch Patient:innen selbst sehen schweres Krafttraining noch immer als „ungeeignet“ oder gar „gefährlich“ im höheren Alter an. Gleichzeitig zeigen epidemiologische Daten, dass gerade Muskelkraft ein entscheidender Faktor für Autonomie, Lebensqualität und Überleben ist [2]. Ein Verlust der Beinkraft um nur wenige Prozent pro Jahr kann über ein Jahrzehnt hinweg den Unterschied zwischen selbstständiger Mobilität und Pflegebedürftigkeit ausmachen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt eine aktuelle Langzeitstudie besondere Relevanz. Sie untersuchte erstmals systematisch, ob ein Jahr hochintensives Krafttraining um den Renteneintritt herum nicht nur kurzfristig, sondern über mehrere Jahre hinweg einen messbaren Vorteil bietet. Die Ergebnisse dieser Arbeit geben wertvolle Antworten auf die Frage von Frau Schneider – und liefern zugleich wichtige Impulse für die physiotherapeutische Praxis: Sollten wir ältere Patient:innen explizit zum Training mit schweren Lasten ermutigen, um die natürlichen Altersprozesse effektiv abzufedern?

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